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Rechtsextremismus ist in Deutschland ein großes Problem für die Politik und die Bevölkerung. Im "ProSieben Spezial: Rechts. Deutsch. Radikal." beleuchtet Thilo Mischke die rechte Szene. Der Journalist spricht nicht nur mit Anhängern und Mitgliedern, die sich auf rechten Festivals und Demonstrationen tummeln, sondern kommt dabei auch Parteien wie "Die Rechte" oder der AfD sehr nah. Insgesamt 18 Monate lang hat er für die investigative Doku recherchiert. Im Interview berichtet er von seiner Arbeit, seinen Erkenntnissen - und davon, was ihm Angst macht.

ProSieben: Thilo, wie bereitest du dich auf ein neues Projekt vor? Hast du ein bestimmtes Ritual, das du vor jedem neuen Film vollziehst?

Thilo: Ich habe keine Rituale, aber ich bereite mich auf alle Projekte gleich vor: Mit einer intensiven Recherche und das fängt meistens mit Büchern an. Ich lese einfach sehr viele Bücher zu einem bestimmten Thema. Dann kommt der nächste Schritt: Das erste Kontaktieren meiner möglichen Gesprächspartner.

Kannst du sagen, welches Projekt dich bisher am meisten gefordert hat?

Tatsächlich war es dieser Film, weil ich mich noch nie so lange mit einem Thema auseinandergesetzt habe. Meistens dauern Recherchen so zwischen einem und sechs Monaten, jetzt aber fast zwei Jahre. Sich mit einem Thema auseinander zu setzen, fordert sehr viel Kraft. Insbesondere wenn man sich am rechten oder rechtsextremen Rand bewegt, musst du dir immer und immer wieder diese Sachen anhören. Es bestand nie die Gefahr, dass ich verführt werde. Oh Gott, da gibt es Leute, die davon überzeugt sind, dass das der richtige Weg ist.

Was hat dich während der Dreharbeiten zu dem Film am meisten erschreckt? Oder kann man sogar sagen, am meisten fasziniert?

Faszination ist vielleicht nicht das richtige Wort. Das war eher Neugierde. Ich war sehr neugierig, was dieses Thema betrifft, weil ich als Jugendlicher vor Neonazis in Ostberlin weggerannt bin und gegen Nazis und gegen Rechte demonstrieren war. Ich hatte eine Distanz dazu. Über dieses Projekt bin ich das erste Mal sehr nah an diese Menschen herangekommen und konnte mit ihnen über ihre Ideologie sprechen. Erschreckend ist wirklich: Es sind eben nicht mehr die keulenschwingenden Abgehängten, sondern es ist eine große Gruppe an Menschen, die sich langsam zusammenschließt und damit unserer Demokratie so ein bisschen die Kehle zuschnürt und das macht mir sehr viel Angst.

Wie gefährlich ist die rechte Szene in Deutschland aus deiner Sicht?

Die rechte Szene in Deutschland ist sehr gefährlich. Dazu müssen wir nicht nur nach Hanau oder Halle gucken und rechts-terroristische Angriffe analysieren, sondern es reicht auch, auf diese Festivals zu gehen, weil diese rechte Szene, diese rechtsextreme Szene, etwas laut ausspricht: Hass. Und wie können Hass und Abneigung gegenüber Andersdenkenden ungefährlich sein? Es ist einfach gefährlich.

Wo siehst du selbst aktuell das größte Problem mit der rechten Szene?

Das größte Problem ist, dass sie sich radikalisiert. Dass sie sich vernetzt und dass sie zum Beispiel auf diesen Corona-Demonstrationen eine Möglichkeit gefunden haben, sich ein Feindbild – nämlich unsere Demokratie – herauszupicken und damit eine ganz breite Gruppe an Menschen erreichen.

Gab es während den Dreharbeiten Situationen, in denen du dich unwohl gefühlt hast? Vielleicht sogar Sorge um dein körperliches Wohl hattest?

Ich hatte nie – oder selten – Sorge um mein körperliches Wohlergehen. Unwohl habe ich mich auch nicht gefühlt. Das liegt aber auch daran, dass ich in den letzten Jahren auch für ProSieben an sehr vielen gefährlichen Orten mit sehr vielen gefährlichen Menschen gesprochen habe. Ich glaube, das hat mich ganz gut geschult, erst mal keine Angst zu haben.

Gab es während der Produktion mal die Überlegung, das Projekt abzubrechen?

Niemals. Niemals hätte ich dieses Projekt abgebrochen. Wahrscheinlich hätten wir es abgebrochen, wenn wir keine Menschen getroffen hätten und wir nicht mit den Menschen hätten reden können.

Eine wahrscheinlich etwas schwere Frage, aber vielleicht hast du darauf trotzdem eine Antwort: Wie könnte man deiner Meinung nach Rassismus nachhaltig und wirksam bekämpfen?

Die Antwort ist sehr einfach und zwar: Bildung. Es ist die Verantwortung unseres Landes, unserer Demokratie, sich um Bildung bis in den kleinsten Winkel dieser Republik zu kümmern. Es kann nicht sein, dass Rechte freiwillige Feuerwehren, Fußballvereine oder soziale Einrichtungen auf den Dörfern übernehmen, um dort ihre Ideologie wirken zu lassen. Wir müssen uns wirklich von der Schulklasse bis zum Klubhaus im Dorf, im Stadtteil, darum kümmern, dass die Menschen die richtige Bildung bekommen. Denn wer gebildet ist, der hat auch Empathie und der versteht, dass man so nicht handeln darf. Und wer so nicht handelt, will auch kein Rechter werden. Deswegen ist die Lösung einfach: Mehr Bildung.

Gibt es auch etwas, dass dir Hoffnung macht?

Während der Recherchen zu diesem Film war ich nie hoffnungslos. Das ist ganz wichtig. Ich weiß, es sind viele in Deutschland, mehr als 30.000 Menschen gelten als rechtsextrem, aber es sind immer noch sehr, sehr wenige. Und die, die nicht dieser Ideologie folgen, die, die sich für die freiheitliche, für die gute Demokratie einsetzen, sind der massive, der große Anteil in diesem Volk. Das ist nicht nur in diesem Volk, sondern auf dieser ganzen wunderschönen Welt so. Die meisten Menschen kämpfen für Demokratie und stehen für Freiheit und das beruhigt mich. Deswegen war ich nie hoffnungslos.

Hinweis: Wenn du das "ProSieben Spezial: Rechts. Deutsch. Radikal." am Montag verpasst hast, kannst du es dir auch nachträglich online anschauen. Den ganzen Film findest du auf prosieben.de und auf Joyn.