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Die Videokonferenz-App Zoom ist der große Aufsteiger in der Coronavirus-Krise: Binnen weniger Wochen schnellte die Zahl der Nutzer von 10 auf 200 Millionen pro Tag hoch. Und genauso schnell landete die Firma aus San Francisco am Datenschutz-Pranger. Kaum ein Tag verging, ohne dass neue Sicherheitslücken oder zweifelhafte Entscheidungen zur Privatsphäre bekanntwurden.

Kunden wie der Elektroautobauer Tesla und die Raumfahrtfirma SpaceX sprangen ab. New York wies Schulen an, schnell auf Microsofts Konkurrenzdienst Teams umzusteigen. Zoom-Chef Eric Yuan spricht von schlaflosen Nächten. «Wenn wir es noch einmal vermasseln, ist es aus», denkt er sich dabei, wie er dem „Wall Street Journal“ erzählte.

Zoom’s unbekannte Erfolgsgeschichte

Zoom gibt es seit mehr als acht Jahren, die Firma war an der Börse schon vor dem krisenbedingten Aufschwung rund 20 Milliarden US-Dollar wert - inzwischen sind es 35 Milliarden Dollar (32,38 Mrd Euro). Der Fokus auf das Geschäft mit Unternehmen sorgte allerdings dafür, dass Zoom dem breiten Publikum unbekannt blieb. Bis die Coronavirus-Gefahr Heimarbeit und Ausgehbeschränkungen mit sich brachte. Plötzlich wurden über Zoom nicht nur viele Firmen-Konferenzen abgehalten, sondern auch Unterricht, Geburtstagsfeiern, Yogastunden.

Erstaunlich ist dabei, wie Zoom anderen Videokonferenz-Anbietern, aber auch den Chatdiensten von Apple, Google und Microsoft - immerhin Besitzer des Branchenpioniers Skype - die Show stahl. Geholfen haben dürfte die simple Nutzung - man braucht meist nur einen Link anzuklicken und ist drin. Doch der jahrelange Vorrang für einfache Bedienbarkeit legte den Grundstein für massive Probleme, die zu Tage traten, als Zoom nicht mehr nur in geschütztem Unternehmens-Umfeld, sondern von den breiten Massen genutzt wurde.

Sicherheitsrisiko „Zoombombing“

Für den sichtbarsten Ärger sorgte dabei schnell das „Zoombombing“, bei dem Fremde in Videokonferenzen eindringen. Das ist einfach, wenn der Link zur Einwahl oder die Konferenz-ID bekannt sind - und der Organisator keinen Warteraum mit manuellem Einlass oder ein Passwort eingerichtet hat. „Zoombombing“ mag nach harmlosen Streichen klingen, aber das war es nicht: So wurden Gottesdienste und Schulstunden in den USA mit rassistischen Schimpftiraden oder dem Vorzeigen von Nazi-Symbolen unterbrochen. Bei virtuellen Treffen der Anonymen Alkoholiker wurden Fotos trinkender Menschen eingeblendet. Die „New York Times“ fand in dunkleren Ecken des Netzes - aber auch bei Instagram - Gruppen, in denen solche Attacken ausgeheckt wurden.

Zoom reagierte und weitete die Einrichtung von Passwörtern und Warteräumen als Standardeinstellung aus. Wie sehr das hilft, bleibt noch abzuwarten. Das „Zoombombing“ sollte jedoch nicht das einzige Problem des Dienstes bleiben. Experten warfen einen tieferen Blick auf die Sicherheitsvorkehrungen von Zoom und entdeckten zum Teil haarsträubende Mängel.

„Zoom’s Verschlüsselung ist schrecklich“

„Zoom ist bei der Sicherheit bestenfalls schlampig und schlimmstenfalls bösartig“, kritisiert der Kryptografie-Fachmann Bruce Schneier. „Die Verschlüsselung bei Zoom ist schrecklich.“ So stellten Forscher am Citizen Lab der Universität von Toronto fest, dass Zoom eine Verschlüsselungsmethode nutzt, die als unzureichend gilt. Das Unternehmen musste auch die Behauptung zurücknehmen, die Daten seien mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt. Das ist eine feste Bezeichnung für ein Verfahren, bei dem nur Nutzer und Empfänger Zugriff auf die unverschlüsselten Daten haben. Zoom verfügt jedoch über die Schlüssel, um zum Beispiel die Einwahl über herkömmliche Telefonanrufe zu ermöglichen. 

Unter den diversen anderen Problemen waren die ungefragte Weitergabe von Daten an Facebook, das willkürliche Gruppieren von Nutzern mit demselben E-Mail-Dienst, die Umleitung mancher Konferenzen über Server in China und die Möglichkeit, Webadressen zu erraten, unter denen einige Aufzeichnungen von Zoom-Konferenzen gespeichert sind. Firmenchef Yuan kündigte an, in den nächstren drei Monaten statt der Einführung neuer Funktionen die Schwachstellen stopfen zu wollen.

Apple leitete drastische Schritte gegen Zoom ein

Alarmsignale hatte es dabei schon im vergangenen Jahr gegeben. So stellte sich heraus, dass Zoom sich bei der Installation auf Apples Mac-Computern weitreichende Berechtigungen verschaffte, indem die Software einen heimlichen Webserver auf dem Gerät installierte. Schlimmer noch, er blieb auf dem Computer, selbst wenn man die Zoom-Software löschte. Apple sah sich gezwungen, den Zoom-Server mit einem Zwangs-Update von den Macs zu entfernen.

Zoom-Chef Yuan verspricht, das Vertrauen der Nutzer zurückzugewinnen und lässt durchblicken, dass er über die neue Massen-Popularität gar nicht so glücklich ist. „Hoffentlich können wir danach wieder zu Unternehmenskunden zurückkehren“, sagte er dem „Wall Street Journal“. Schließlich muss Zoom jetzt auch den Betrieb mit einer ausufernden kostenlosen Nutzung finanzieren, nachdem die Firma in der Krise die Beschränkungen für die Gratis-Version weitgehend aufhob.

Datenschützer setzen auf Open-Source-Programme

Wer den Versprechungen von Yuan nicht glaubt, steht nicht ohne Alternative da. Allerdings empfehlen deutsche Datenschützer nicht die Zoom-Konkurrenzdienste von Microsoft, Google, Facebook oder Apple, sondern setzen auf quelloffene Programme. Zu den populären offenen Videoanwendungen gehört BlueBigButton. Das Projekt wurde 2007 an der kanadischen Carleton University (Ottawa) mit dem Ziel gestartet, dass das Einrichten einer Videokonferenz so einfach sein soll wie das Drücken auf einen großen blauen Knopf. BlueBigButton steht nicht nur unter einer offenen Lizenz, sondern kann auch auf einem eigenen Server oder bei Dienstleistern wie Lern.Link in Deutschland betrieben werden.

Keine Bedenken haben die Datenschutzbeauftragten der Länder auch bei der offenen Lösung Jitsi Meet, die ihren Ursprung an der Universität Straßburg hat. Das System, das unter anderem vom Chaos Computer Club verwendet wird, steht für Privatleute auf etlichen Servern wie https://meet.jit.si/ im Netz kostenfrei zur Verfügung. Professionelle Nutzer können Dienstleister wie den österreichischen Anbieter Fairmeeting beauftragen, der einen Betrieb auf Basis der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung verspricht.