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Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Kreml verbreitet nach dem Abzug aus Cherson das Narrativ einer "Umgruppierung" aus Sorge um das "Leben und die Sicherheit der Soldaten und der Zivilbevölkerung".
  • Auch Kritiker übernehmen diese Argumentation.
  • Bejubelt wird der Rückzug aber auch nicht – aus Angst vor Restriktionen.

Der Rückzug der russischen Truppen aus der symbolträchtigen Gebietshauptstadt Cherson setzt eine lange Serie von Niederlagen in Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine fort. Anfang März hatten die russischen Truppen das südliche Cherson kurz nach ihrem Einmarsch noch stolz eingenommen. Cherson war die einzige Gebietshauptstadt, die die Ukraine verlor. Nun ist die Rückeroberung in vollem Gange - und Russland steht vor einem neuen Debakel.

Doch der Kreml weiß auch diese Niederlage als strategisch richtige Entscheidung zu inszenieren. Das ist besonders im Hinblick darauf bemerkenswert, als dass Putins Militärführung in den vergangenen Wochen in Russland offen kritisch diskutiert wurde – von Kriegsbefürwortern.

Putins "Bluthund" und Chef der Söldner-Gruppe Wagner befürworten "Umgruppierung"

Besonders der Machthaber der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, hatte die russische Kriegsführung häufig getadelt. Auch im Fall Cherson ließ er Kritik anklingen. Den Truppenabzug hält er aber für eine richtige Entscheidung, wie er in seinem Telegram-Kanal schrieb. Der neue Kommandeur der russischen Truppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, habe damit tausende Soldaten aus der faktischen Umzingelung gerettet. Surowikin habe weitsichtig gehandelt und seine Soldaten jetzt in eine vorteilhaftere strategische Position gebracht. Es gebe keinen Grund, von einer "Aufgabe" Chersons zu sprechen.

Genau wie Kadyrow kritisierte auch der Finanzier der Söldner-Gruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, die russische Kriegsführung oft als zu weich. Jetzt schloss er sich Kadyrows Argumentation an und schrieb bei Telegram: "Surowikin muss tausend Soldaten retten." Er habe "wie ein Mann gehandelt, der Verantwortung übernimmt", und "ohne Angst und gut organisiert" agiert.

Russisches Staatsfernsehen spricht von Sorge um "Leben und Sicherheit der Soldaten und der Zivilbevölkerung"

Auch im russischen Staatsfernsehen schließt man sich laut "Welt" diesem Narrativ an. Demnach wählte die russische Hauptnachrichtensendung "Zeit" im Staatssender Perwy Kanal für den Truppenabzug aus Cherson den diplomatischen Begriff der "Umgruppierung". Die Niederlage werde auch dort als notwendiger und einzig richtiger Schachzug verkauft.

Als Verantwortlichen inszeniert man aber auch da nicht etwa den, der die Entscheidung zu verantworten hat – sondern viel mehr Surowikin, den Kommandeur der russischen Streitkräfte in der Ukraine, und den Verteidigungsminister Sergei Schoigu. Demnach habe Surowikin aus Sorge um das "Leben und die Sicherheit der Soldaten und der Zivilbevölkerung" eine "Umgruppierung" vorgeschlagen und Schoigu dem zugestimmt.

Niederlage erniedrigend für Putin? "Nein"

Bejubelt wird der Abzug aus Cherson aber dennoch nicht. Wie die "Welt" unter Berufung auf eine russische Journalistin berichtet, liegt das mitunter an Angst vor Restriktionen. Denn: Wer aktiv den Rückzug unterstütze, riskiere nach Paragraf 280, Abschnitt 1 des russischen Strafgesetzbuches wegen "Aufrufen zur Verletzung der territorialen Integrität Russlands" belangt zu werden. Auch Kritik wird verfolgt: Wer sich gegen den Abzug ausspricht, könne demnach wegen Paragraf 280, Abschnitt 3 verurteilt werden – der Grund: "Diskreditierung der Streitkräfte der Russischen Föderation".

Das russische Verteidigungsministerium teilte am Freitag (11. November) mit, dass die "Umgruppierung" beendet sei. Moskau sehe das ukrainische Gebiet aber auch nach dem Abzug seiner Truppen weiter als russisches Staatsgebiet an, teilte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Nachrichtenagentur Interfax zufolge mit. Das Gebiet Cherson bleibe Teil der Russischen Föderation. Auf die Frage, ob die Niederlage in Cherson nicht erniedrigend sei für Putin, antwortete Peskow mit einem "Nein".

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