In der Corona-Krise in Deutschland keimt angesichts der gesunkenen Ansteckungszahlen Hoffnung auf ein baldiges Hochfahren von zentralen Teilen des öffentlichen Lebens. Bund und Länder lockerten zum Start in den Mai behutsam weitere Corona-Auflagen und kündigten größere Schritte für kommenden Mittwoch an.

Während Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Vorsicht mahnte, wächst die Ungeduld: Die Rufe nach klaren Perspektiven für Schulen, Kitas, Wirtschaft und Gastronomie sowie Vereinssport und Fußball-Bundesliga werden lauter. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) versprach: "Es wird weitere Erleichterungen geben."

"Wir haben zusammen viel erreicht"

Das Robert Koch-Institut sieht eine "erfreuliche Entwicklung". Der Wert für Ansteckungen in Deutschland - die Reproduktionszahl - liege im Moment bei 0,76. Das heißt, ein Mensch steckt weniger als einen anderen an. Am Mittwoch wollen Merkel und die Ministerpräsidenten schauen, ob sich die zum 20. April umgesetzten Lockerungen - vor allem die Öffnung von Geschäften - negativ ausgewirkt haben.

Die Kanzlerin hatte am Donnerstag nach der Videoschalte mit den Ministerpräsidenten erklärt: "Wir haben alle zusammen viel erreicht." Diese Erfolge dürften aber nicht aufs Spiel gesetzt werden. Sie kündigte an, dass die Runde am Mittwoch über eine weitere Öffnung von Schulen, Kitas und des Sports sprechen werde.

Nach den Beschlüssen von Merkel und den Ministerpräsidenten vom Donnerstag können sich vor allem Familien zum Start in den Mai auf erste Lockerungen freuen. So sollen Spielplätze, Zoos, Museen, Ausstellungen und Gedenkstätten wieder öffnen können - allerdings gibt es keinen bundesweit einheitlichen Zeitpunkt.

Zurück in die Kirchenbänke

Auch wann Gläubige für Gottesdienste wieder in die Kirchen kommen dürfen, ist vielerorts noch nicht endgültig klar. In Kevelaer in NRW predigte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, am Freitag in einem Gottesdienst zur Eröffnung der alljährlichen Wallfahrt. Corona sei eine "Plage der Menschheit", sagte der Bischof.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet verlangte, bei der nächsten Schaltkonferenz mit Merkel müssten die Folgen für Wirtschaft und Jobs stärker ins Zentrum rücken. Die Rezession sei "ein sehr sehr hoher Preis, über den wir in den letzten Wochen viel zu wenig gesprochen haben", sagte der CDU-Politiker im ZDF. Es müsse auch eine Perspektive für die geschlossene Gastronomie geben.

10,14 Millionen Menschen in Kurzarbeit

CSU-Chef Söder mahnte erneut zu Vorsicht, sieht aber für die Wirtschaft Lichtblicke. "Durch unser umsichtiges Vorgehen in Deutschland können wir hier eher wieder hochfahren und damit auch insgesamt die Wirtschaft stabilisieren", sagte der bayerische Ministerpräsident im ZDF. Das scheint auch dringend nötig: Gut 750.000 Unternehmen haben bis Ende April für 10,14 Millionen Menschen Kurzarbeit angemeldet.

Die Grünen und Bildungsverbände wollen einen konkreten Fahrplan für die Kinderbetreuung in Kitas und Schulen sehen. «Viele Eltern sind am Rande ihrer Kräfte. Homeschooling, Homeoffice und Haushaltsarbeit sind auf Dauer nicht vereinbar. Viele Kinder leiden unter der Isolation und vermissen ihre Freunde», sagte die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock.

Worüber müssen Bund und Länder nächste Woche Mittwoch diskutieren: 

KONTAKTBESCHRÄNKUNGEN

Über die Abstandsregeln für das öffentliche Leben. Zumindest bis zum 10. Mai sollen sie nach den Worten von Kanzleramtschef Helge Braun bestehen bleiben. Bis dahin sollen Bürger in der Öffentlichkeit einen Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten und sich dort nur alleine, mit einer weiteren nicht im Haushalt lebenden Person oder im Kreis der Angehörigen des eigenen Hausstandes aufhalten.

SCHULEN UND KITAS

Wann wieder mehr Kinder in Schulen und Kitas dürfen, ist noch unklar. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sowie der Bundeselternrat zeigten sich enttäuscht, dass erst am Mittwoch über eine weitergehende Öffnung der Schulen entschieden werden soll. Nun lege weiter jedes Land für sich fest, wie vorzugehen sei. «Aus der Ankündigung eines orchestrierten Vorgehens ist ein Improvisationstheater geworden.» Kanzleramtschef Braun äußerte die Hoffnung, dass auch alle Kita-Kinder vor den Sommerferien noch einmal in Betreuung könnten.

GASTSTÄTTEN UND HOTELS

Restaurants, Cafés und Hotels hoffen auf eine Perspektive, wann es wieder losgehen könnte. Das wird aber noch dauern. Die Fachminister sollen erst bis zu der übernächsten Konferenz der Kanzlerin mit den Regierungschefs der Länder Vorschläge machen. NRW-Regierungschef Laschet will aber schon am Mittwoch über die Gastronomie reden, dämpfte aber Hoffnungen auf ein Öffnen der Betriebe im Mai. Die Gastronomie gehöre zu den «sensibelsten Bereichen». «Wo Alkohol ausgeschenkt wird, ist das Abstandsgebot schnell vergessen.»

LADENÖFFNUNGEN

Das umstrittene Verbot für größere Geschäfte mit mehr als 800 Quadratmetern dürfte weiter Thema sei. Mehrere Landesregierungen kündigten an, auszuscheren und die Beschränkung auf 800 Quadratmeter aufzuheben. Das Verkaufsverbot war in Bayern für verfassungswidrig erklärt worden, andere Gerichte hatten die Regel bestätigt. In Mecklenburg-Vorpommern sollen schon von diesem Samstag an größere Läden öffnen können. Thüringen, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und das Saarland wollen nachziehen. Das KaDeWe in Berlin darf nach einer Gerichtsentscheidung wieder auf seiner gesamten Fläche öffnen.

FUSSBALL 

Auch Fußballfans warten weiter auf eine Entscheidung über eine Fortsetzung der Bundesliga-Saison. SPD-Chef Norbert Walter-Borjans betonte, wenn man die Liga weiterlaufen lassen, sollten die Geisterspiele auch für alle frei zugänglich im Fernsehen gezeigt werden. Beim Vereinssport wollten einige Länder nicht mehr auf kommenden Mittwoch warten. Sie kündigten bereits Lockerungen für den Individualsport im Freien an.