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US-Präsident Donald Trump will der Normalität mit einem Stufenplan so schnell wie möglich näher kommen. In Italien und Großbritannien ist noch keine Lockerung der Anti-Corona-Maßnahmen in Sicht, Serbien greift unterdessen zu besonders drastischen Mitteln. Und in Brasilien wird ein in Ungnade gefallener Gesundheitsminister gefeuert. Ein Blick auf Corona und die Folgen weltweit:

USA - Stufenweise Rückkehr zur Normalität

Anders als die meisten betroffenen Staaten wollen die USA bei der Aufhebung der Corona-Beschränkungen für ihr riesiges Land nicht auf einheitliche Regeln setzen. Die Bundesstaaten Montana, Wyoming und andere könnten - wenn es nach US-Präsident Donald Trump geht - schon in wenigen Tagen wieder graduell zur Normalität übergehen. Schwerer von der Epidemie betroffene Staaten wie New York aber werden ihre Ausgangsbeschränkungen wohl noch viele Wochen aufrecht erhalten. Experten warnen jedoch, dass der Erreger sich nicht an die Grenzen der US-Bundesstaaten halten wird. Die Regierung setzt daher auf verstärktes Testen und eine Überwachung möglicher Krankheitsfälle.

Trump will eine möglichst schnelle Rückkehr zur Normalität, um im Wahljahr den freien Fall der US-Wirtschaft zu bremsen. Seinen neuen Richtlinien zufolge soll das Land in drei Phasen auf den Weg zur Normalität zurückgeführt werden. "Wir müssen eine funktionierende Wirtschaft haben. Und wir wollen sie sehr, sehr schnell zurückhaben", sagte Trump am Donnerstagabend (Ortszeit). Nur wenige Stunden vorher waren verheerende Daten zum Arbeitsmarkt herausgekommen: Innerhalb eines Monats verloren in den USA wegen der Corona-Krise rund 22 Millionen Menschen ihren Job.

Einen genauen Zeitplan beinhalten Trumps Richtlinien nicht. Stattdessen sollen Bundesstaaten vor dem Eintritt in jede der drei Phasen eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen. So soll dort beispielsweise vor jeder neuen Phase die Zahl der nachgewiesenen Coronavirus-Infektionen jeweils über einen 14-tägigen Zeitraum abgenommen haben.

ITALIEN - Eltern in Not: Schulen noch wochenlang geschlossen

Während die Schulen in Deutschland schrittweise bald wieder eröffnen sollen, zerschlug in Italien die Schulministerin alle Hoffnungen, dass Schulen und Kindergärten bald wieder öffnen. Wahrscheinlich ist, dass die Kinder erst wieder im September in die Klassen kommen. Und selbst dann weiß niemand wie.

"Die Regierung wird in den nächsten Tagen eine Entscheidung treffen. Aber in der derzeitigen Gesundheitslage wird es mit jedem Tag unwahrscheinlicher, dass die Schulen im Mai wieder öffnen", sagte Schulministerin Lucia Azzolina der Zeitung "Corriere della Sera". "Es würde bedeuten, acht Millionen Schüler zu mobilisieren." In Italien geht das Schuljahr bis Anfang Juni, darauf folgen drei Monate Sommerferien bis Mitte September. Auch diese Zeit müssen arbeitende Eltern irgendwie überbrücken.

Das Land ist weltweit eines der Länder mit den meisten offiziell gemeldeten Toten, bisher sind es mehr als 22 000. Die strikten Ausgangssperren gelten seit Anfang März und noch bis mindestens 3. Mai. Kinder dürfen derzeit nicht raus zum Spielen oder Radfahren. Doch der Druck steigt. Die körperliche und mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stehe durch den langen Lockdown auf dem Spiel, sagt Familienministerin Elena Bonetti. Kommunen arbeiten daher an Plänen, wie zumindest Spielplätze wieder öffnen könnten.

FRANKREICH - Fenster zum Hof: Denunzianten haben Konjunktur

In Frankreich haben Menschen, die Mitbürger anschwärzen oder mit anonymen Briefen bedrohen, seit langem einen Namen: "Corbeaux" ("Raben"). Während der strengen Ausgangssperre im Land sind diese "Raben" laut Medien wieder besonders aktiv. Bei der Polizei melden sich demnach viele Menschen, die Verstöße anderer gegen die Ausgangsbeschränkungen beklagen.

In der ostfranzösischen Region Grand Est, zu der auch das Elsass gehört, betreffen 50 bis 70 Prozent der Anrufe vermeintliche Vergehen gegen die Einschränkungen, schätzte ein Vertreter der Polizeigewerkschaft Alternative Police im Radionachrichtensender Franceinfo. Die strengen Regeln gelten seit Wochen landesweit und wurden unlängst bis zum 11. Mai verlängert. Spaziergänge, Gassigehen oder Sport sind nur eine Stunde pro Tag im Radius von einem Kilometer zur Wohnung erlaubt. Die Polizei patrouilliert regelmäßig.

Die "Raben" wecken finstere Erinnerungen an die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkrieges. "Die Denunzianten versteckten während der dunklen Jahre (der Besatzungszeit) - wie heute auch - hinter gemeinschaftlichen Werten: Gerechtigkeit, öffentliches Gesundheitswesen, Allgemeinwohl", resümierte der Historiker Laurent Joly in der Tageszeitung "Le Monde". Die Bezeichnung für Denunzianten geht laut Experten auf dem Film "Le Corbeau" von Henri-Georges Clouzot zurück. Der Streifen kam 1943 mitten im Krieg heraus und schildert, wie ein anonymer Briefeschreiber, der "Rabe", das Leben einer Kleinstadt erschüttert.

GROßBRITANNIEN - Ausgangsbeschränkungen um drei Wochen verlängert

In Großbritannien sind die strengen Ausgangsbeschränkungen um - mindestens - drei Wochen verlängert worden. Bis 7. Mai dürfen die Briten nur für das Allernotwendigste - etwa den Einkauf von Lebensmitteln und Medikamenten - auf die Straße gehen. Sport im Freien ist einmal am Tag erlaubt. Außenminister Dominic Raab gab sich optimistisch: "Es ist Licht am Ende des Tunnels." Raab vertritt Premier Boris Johnson, der sich mit dem Coronavirus infiziert hatte und auf der Intensivstation behandelt werden musste. Er erholt sich auf dem Landsitz Chequers nahe London.

Es wird nicht ausgeschlossen, dass die Maßnahmen noch bis in den Juni hinein gelten könnten. Denn Großbritannien kämpft gegen das Coronavirus mit ziemlich stumpfen Waffen: Der staatliche Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) ist in den vergangenen Jahren nach Ansicht von Kritikern kaputtgespart worden. Es fehlt unter anderem an Tests, Personal, Beatmungsgeräten und Schutzausrüstungen. So stülpen sich Pfleger zum Beispiel große Mülltüten über, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Die Corona-Statistiken gelten als wenig aussagekräftig, weil sie zum Beispiel nicht die vielen Opfer in Pflegeheimen berücksichtigen.

SERBIEN - 84 Stunden Ausgangssperre

In Serbien begann am Freitagnachmittag eine Ausgangssperre, die bis Dienstagfrüh andauert. 84 Stunden lang darf niemand sein Haus oder seine Wohnung verlassen, außer er hat eine amtliche Sondergenehmigung. Auch am Wochenende zuvor waren die Serben wegen der Corona-Pandemie "eingesperrt", aber "nur" für 60 Stunden. Grund für die Verlängerung der Sperre an diesem Wochenende sind die orthodoxen Ostern. Für die Christen östlichen Glaubens finden sie in diesem Jahr eine Woche nach dem Osterfest der westlichen Christen statt.

Die einflussreiche Serbisch-Orthodoxe Kirche (SOK) wollte bei der Belgrader Regierung eine Ausnahmeregelung für den Ostersonntag am 19. April erwirken. Für ein paar Stunden sollte die Ausgangssperre ausgesetzt werden, damit die Gläubigen in die Kirche gehen könnten. Präsident Aleksandar Vucic blieb aber nach einem Telefonat mit dem orthodoxen Patriarchen Irinej unnachgiebig. "Auch wenn es uns schwer fällt", hielt der Kirchenführer am Freitag in einem Hirtenbrief fest, "so müssen wir uns und unser Tun dem Wohle aller unterordnen."

Wochentags gilt in Serbien eine zwölfstündige nächtliche Ausgangssperre. Die Bestimmungen werden rigoros umgesetzt. Zuwiderhandelnden drohen hohe Geldstrafen und sogar Gefängnis.

TADSCHIKISTAN - Kleines Bergland firmiert noch als coronafrei

Niemand darf rein, niemand darf raus - das ist die Strategie des kleinen und bitterarmen Landes Tadschikistan. Das kleine Bergland an der Grenze zu China hat noch keinen einzigen Corona-Fall registriert. Zumindest behauptet das die Regierung unter dem autoritären Präsidenten Emomali Rachmon in der Ex-Sowjetrepublik mit rund neun Millionen Einwohnern. Alle Grenzen zu China sind schon länger dicht, auch aus anderen Ländern darf niemand mehr einreisen. Mehrere Tausend Rückkehrer wurden vorsorglich in Quarantäne gesteckt. Bislang gab es nur wenige Tests, auch weil die Spezialisten in den Krankenhäuser fehlen.

"Es gibt eine große Angst unter den Tadschiken", heißt es aus Duschanbe. In der Hauptstadt wurden Plakate aufgehängt, die die Menschen zur strengen Hygiene aufrufen. Dennoch begann im April die Fußballsaison, Märkte und Schulen blieben offen. Viele greifen selbst zu Schutzmasken, wenn sie sich das leisten können. "Wir dürfen uns jetzt nicht zurücklehnen, nur weil es diese Krankheit in unserem Land noch nicht gibt", sagte Rachmon in einer Rede. "Wir müssen auf diese schwere Prüfung vorbereitet sein."

Die große Sorge der Tadschiken ist jedoch auch eine finanzielle: Wie kaum ein anderes Land ist die Ex-Sowjetrepublik von den Geldüberweisungen ihrer Verwandten aus anderen Regionen der Welt abhängig. Viele Gastarbeiter schuften auf Russlands Baustellen oder als Taxifahrer in Moskau – und sitzen jetzt dort ohne Geld und Job fest. Und ihre Heimat in Zentralasien, die sowieso zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, rutscht noch weiter in die Krise.

DUBAI - Künstliche Intelligenz überwacht die Ausgangssperre

Während in Deutschland noch über die Nutzung der Corona-App diskutiert wird, nutzen die arabischen Emirate schon weitreichend künstliche Intelligenz und Apps im Kampf gegen die Epidemie. In Dubai werden Autos über die Kameras der Geschwindigkeitskontrollen registriert, Computer kontrollieren die Daten und stellen fest, ob eine Ausnahmegenehmigung vorliegt, zitierte Gulfnews einen Polizeisprecher. Dubai hatte Anfang April eine vollständige Ausgangssperre verhängt.

Bewohner, die nicht in lebenswichtigen Branchen arbeiten, müssen jedes Mal, wenn sie das Haus verlassen wollen, online eine Genehmigung beantragen. Auch kontrolliert künstliche Intelligenz, wo zum Beispiel der nächste Supermarkt ist und was eine angemessene Zeit für den Einkauf wäre. Auch in anderen Golfemiraten der Region wird Künstliche Intelligenz schon eingesetzt. Bahrain nutzt bereits eine App, die über die Bewegungsdaten die Nähe zu einem positiv getesteten Patienten ermittelt und den Nutzer warnt.

BRASILIEN - Präsident feuert Gesundheitsminister

Mitten in der Corona-Krise hat der rechtspopulistische brasilianische Präsident Jair Bolsonaro seinen Gesundheitsminister entlassen. "Ich habe von Präsident Jair Bolsonaro gerade die Mitteilung über meine Entlassung gehört", schrieb Luiz Henrique Mandetta nach einem Treffen mit Bolsonaro am Regierungssitz in Brasília. Der Gesundheitsminister machte sich zuletzt für Einschränkungen im öffentlichen Leben, weitreichende Schutzmaßnahmen und die Begrenzung sozialer Kontakte stark. Damit widersprach er Bolsonaro direkt, der das neuartige Coronavirus als "leichte Grippe" verharmloste und alle Empfehlungen zur Eindämmung der Pandemie ignorierte.

"Die Brasilianer wissen nicht, ob sie auf den Präsidenten oder den Minister hören sollen", sagte Mandetta im Fernsehen. Bolsonaro ärgerte wohl auch, dass die Brasilianer den Gesundheitsminister im Umgang mit der Pandemie für kompetenter hielten als den Staatschef. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Datafolha aus der vergangenen Woche befanden 33 Prozent der Befragten Bolsonaros Umgang mit der Corona-Krise für gut, 76 Prozent den von Mandetta.