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Dan Reynolds und seine Band Imagine Dragons waren nie die Männer für die leisen Töne. Im Gegenteil: Ihre Shows waren so glitzernd und over the top wie ihre Heimatstadt Las Vegas. Ihre Songs waren immer zu schillernd produziert, um noch als Indierock durchzugehen. Ihre Refrains zu groß, um in kleine Clubs zu passen. Ihre Hooklines zu poppig, um sie als Rockband zu sehen. Puristen mögen sie damit ein Graus gewesen sein – aber Imagine Dragons pfiffen mit großer Geste drauf und entwickelten auf diese Weise einen Sound, der weitaus beständiger und anschlussfähiger war, als der von anderen Rockbands, die sich weit weniger trauten und ihren Fans musikalisch stets Futtern wie bei Muttern vorsetzten.

Jetzt haben Imagine Dragons nach längerer Pause, in der sich Reynolds auf seine Familie und seinen Nachwuchs konzentrierte, ein neues Album am Start. Und überraschen schon wieder – weil sie nämlich nicht wie sonst immer noch eine Schippe Wumms auf ihren Sound packen, sondern mit einem der erfolgreichsten Producer aller Zeiten eine geradezu schwermütig schöne Platte zwischen Rock, Pop und Songwriter-Lyrik vorlegen.

Rick Rubin heißt der Mann, den sie dafür ans Mischpult holten. Der bärtige Kultproduzent ist schon lange eine Instanz: Er revolutionierte mit seiner Arbeit für die Beastie Boys, Run-DMC und LL Cool J HipHop, setzte mit seinen Produktionen für Slayer und Danzig im Metal Standards und sorgte mit der „American“-Alben-Reihe von Johnny Cash für dessen letztes, eindrucksvolles Comeback.

Imagine Dragons entschieden sich für die Zusammenarbeit, weil Reynolds lyrisch diesmal einen persönlichen, geerdeten Zugang suchte. Ein Tod im Familienumfeld prägte die nachdenkliche Stimmung zwischen Hoffnung und Grübelei auf „Mercury – Act 1“. Bestes Beispiel ist der wundervolle Popsong „Wrecked“, in dem Reynolds seine Gefühle nach dem Krebstod der Frau seines Bruders verarbeitet. „Ihr plötzlicher Tod hat mich in einer Weise aufgewühlt, die ich noch immer nicht wirklich in Worte fassen kann“, sagte der Sänger kürzlich in einem Interview und erzählt: „Ich war mit ihr und meinem Bruder zusammen, als sie schließlich von uns ging. Für mich war es das erste Mal, dass ich den Tod eines Menschen so nah und unvermittelt mitbekommen habe. Mir hat es die Zerbrechlichkeit unseres Lebens ins Bewusstsein gerufen. Wie endlich doch alles ist. Ich musste dabei zusehen, wie mein Bruder mit einer Situation klarkommen musste, die wirklich kein Mensch erleben sollte. Aber zugleich habe ich gesehen, wie sein Glaube ihm dabei half, immerhin auf eine Zukunft mit ihr zu hoffen. Auch ich wünsche ihm das. Ja, und dieser Song ist nun meine Auseinandersetzung damit – schließlich war Musik für mich schon immer so eine Art Rückzugsort, um derartige Dinge zu kanalisieren.“

So finden sich viele persönliche, ehrliche Eindrücke in den neuen Liedern und Texten. „Follow You“, eine weitere Vorabsingle, handelt zum Beispiel von der zweiten Chance für Dan Reynolds und seine Ex-Frau, die nun wieder seine Ehefrau ist: „Ich wollte damit ein realistisches Bild von einer Liebe zeichnen… zeigen, wie sie wirklich ist. Ein Bild, in dem die Liebe nicht perfekt ist – aber der Bund trotzdem hält.“ Die beiden heirateten tatsächlich nach einer Scheidung ein zweites Mal.

Fans der übergroßen Pop- und Rocksongs von Imagine Dragons werden aber trotzdem auch bei „Mercury – Act 1“ auf ihre Kosten kommen. Die Band und Rubin lassen zwischenzeitlich auch mal richtig die Sau raus und ballern ihren Fans einen Track wie „Cutthroat“ an den Kopf, der Rockkreischen, Soul, Industrial-Sounds und einen fetten Poprefrain in einen Topf wirft und selbst daraus noch etwas Schmackhaftes kocht.

Das offizielle Video