Aus der kleinen Alice ist eine 19-Jährige geworden, die nochmal nach Unterland abtaucht
Filmkritik - Alice im Wunderland
Kino wie von Dali und Kafka
Bilder-Magier Tim Burton hat sich des Kinderbuch-Klassikers „Alice imWunderland“ angenommen und die Geschichte von Lewis Carroll
in buchstäblich fantastische Bilder umgesetzt. Johnny Depp brilliert als verrückter Hutmacher, die junge Australierin Mia Wasikowska gibt überzeugend eine moderne Alice.
Ein prächtiges Gartenfest im viktorianischen England. Auf die 19-jährige Alice (Mia Wasikowska) aber wartet eine eher unliebsame Überraschung. Die Mutter hat das Mädchen ohne ihr Wissen verlobt. Just in dem Moment aber, als der borniert-blasierte Hamish (Leo Bill) Form vollendet auf den Knien um Alices Hand anhält, erblickt die ein weißes Kaninchen mit Taschenuhr. Sie folgt dem Tier, stürzt in seinen Bau und landet so im „Unterland“, einer Parallel- und bisweilen (alb-)traumhaften Welt.
Die wird bevölkert von den seltsamsten Kreaturen, dem völlig verrückten Hutmacher (Johnny Depp), der Grinsekatze, die oft nur noch aus ihrem Grinsen besteht, oder der weißen Königin (Anne Hathaway). Die, aber auch alle anderen, die Alice freundlich empfangen haben, wünschen sich sehnlichst das Ende der Schreckensherrschaft der Roten Königin (Helena Bonham Carter).
Ein Ende, das ausgerechnet in Alices Händen liegen soll. Das glauben wenigstens die Bewohner von Unterland, die dem Mädchen eröffnen, dass es vor zehn Jahren schon einmal dort war...
Verfilmt als Zeichentrick, Porno-Musical und japanische Anime-Serie
Beinahe selbst schon ein Wunder, dass Hollywood auf diese Idee nicht schon längst gekommen ist. Nahezu 25mal wurde „Alice im Wunderland“, der wundersam-wundervolle(Kinder-)Buchklassiker von Lewis Carroll aus dem Jahre 1865 bisher für Kino und TV verfilmt, u. a. als Stummfilm, als betörender Zeichentrickfilm (auch damals schon aus der Disney-Schmiede), gar als Porno-Musical mit Kult-Status und als japanische Anime-Serie.
Dass sich nun mit Tim Burton („Edward mit den Scheren-Händen“; „Sleepy Hollow“; „Charlie und die Schokoladenfabrik“) der größte Bilder-Magier des modernen Hollywood-Kinos der Geschichte um das Mädchen, das sich plötzlich in einer bunt-bizarren Parallelwelt wieder findet, annimmt, das scheint da nur folgerichtig.
Ebenso folgerichtig, wie auch die Umsetzung in 3-D. Würde es dieses Verfahren nicht schon längst geben, für Burton und seine Vision von „Aliceim Wunderland“ hätte man es erfinden müssen. Lebendiger als hier hat eine Märchenwelt jedenfalls noch nie ausgesehen.
Burton: "Technik darf nie die Oberhand gewinnen"
Dennoch verliert sich der Regisseur (fast) nie in den Möglichkeiten, die ihm das 3-D-Verfahren, aber auch die moderne Special Effects-Technik bieten.
So sagte Burton in einem Interview: „Die Technik ist nicht so sehr entscheidend,sondern die Kombination der verschiedenen Trickarten. Ich bin gar nicht so ein großer Fan von Spezialeffekten, Green Screens machen mich krank. Das kriegt so schnell etwas Totes. Wir haben so viele Szenen wie möglich unter realen Bedingungen gedreht und den Computer erst später zur Verfremdung benutzt. Die Technik darf nie die Oberhand gewinnen.“
Und an diese sich selbst auferlegte Maxime hält er sich auch weitestgehend. Zwar nimmt sich Burton die Freiheitk, eine Alice zu schaffen, die Carroll so nie gedacht hat – eine junge Frau, die sich auflehnt gegen die Restriktionen ihrer Zeit und sich nicht verheiraten lassen will, nur um versorgt zu sein – aber bis weit hinein ins letzte Drittel des Films triumphiert dennoch (oder gerade) die Fantasie (des Regisseurs) über die Technik.
Erst gegen Ende trägt Burton dann ein wenig dick auf, wohl auch, weil sich selbst ein Magier des Kinos wie er nicht den Gesetzmäßigkeiten der Branche entziehen kann. Und die besagen nun einmal, dass sich ein krachender, Action geladener Showdown immer gut macht in Hollywood und damit letztlich auch an der Kino-Kasse.
Mia Wasikowska überzeugt als Alice, die erwachsen geworden ist
Das aber ist allenfalls ein kleiner Makel in einem wundervollen Film, der Burton erneut bestätigt als den Franz Kafka, den Salvador Dali des modernen Kinos.
Das zudem sein Lieblingsschauspieler, Johnny Depp, eine Idealbesetzung als verrückter Hutmacher ist, verwundert kaum. Eher schon eine gelungene Überraschung ist da die 21-jährige Australierin Mia Wasikowska, die bisher vor allem in der hervorragenden TV-Serie „In Treatment“ an der Seite von Gabriel Byrne überzeugt hatte.
Hier aber muss Wasikowska einen großen Teil der Handlung selbst tragen, was ihr bravourös gelingt. Alice ist nach beinahe 150 Jahren tatsächlich erwachsen geworden.
AndreasKötter